Die liebe Sandra wird demnächst Mutter. Wahrscheinlich. Denn nach amerikanischem Recht kann die leibliche Mutter ihre Entscheidung in den ersten 48 Stunden nach der Geburt nochmals ändern.

Sandras Kind wird ein Adoptivkind sein. Wenn es klappt, wird sich Sandras Leben schlagartig ändern. Ihr Weg zu einer kleinen Familie ist in vielerlei Hinsicht interessant: die emotionale Seite, rechtliche Aspekte oder auch die Reaktionen im privaten Umfeld. Für meinen Blog steht natürlich vor allem die Vereinbarkeit mit der beruflichen Laufbahnplanung und dem Arbeitsalltag im Fokus. Denn anders als andere Mütter hat Sandra keine neun Monate Vorlaufzeit. Hier ist ihre Geschichte:

«Ich leitete mehrere Jahre die Bankfiliale in einem kleinen Dorf. Vor einem Jahr habe ich der  Personalabteilung mitgeteilt, dass ich meinen Posten künden möchte. Denn durch die Kaderposition mit Führungsverantwortung hatte ich eine Kündigungfrist von einem halben Jahr. Das ist mit einem Adoptionsverfahren nicht zu vereinbaren», sagt die 41-Jährige. Wenn es endlich soweit ist, muss je nach dem alles sehr schnell gehen. Sandra bewarb sich für eine Stelle im Callcenter der Bank. Mit Lohneinbusse zwar – dafür mit kürzerer Kündigungsfrist.

Sackgasse auf dem Weg zum Kind

Sandra und ihr Mann versuchen seit vier Jahren, ein Kind zu adoptieren. Es ist nun schon der zweite Anlauf. Der erste endete in einer Sackgasse. «In der Schweiz musst du dich bei Auslandsadoptionen bereits am Anfang des Verfahrens auf ein Land festlegen.» Der Bewilligungsprozess beinhalte viele Formulare, Abklärungen, ein Adoptionsseminar. «Wir waren schon lange ein Paar, haben dann subito geheiratet, weil die Ehe ein Grundvoraussetzung ist.»

Als der ganze Behördenkram geschafft war, kamen Sandra und ihr Mann auf die Warteliste. Position 30. Doch dann entschied die Regierung in dem von ihnen als Herkunftsland ausgewählten Staat, dass die Anzahl der Kinder, welche ins Ausland gegeben werden, um etwa 90 Prozent reduziert werden. «Daraufhin geriet die entsprechende Schweizer Vermittlungsstelle in finanzielle Schwierigkeiten und stellt ihre Dienste ein.» Das Paar stand vor dem Scherbenhaufen ihrer Pläne und Hoffnungen. «Und dann dachte ich: Zum Glück habe ich meinen Arbeitgeber noch nicht informiert.»

«Und dann dachte ich: Zum Glück habe ich meinen Arbeitgeber noch nicht informiert.»

Das Paar suchte nach Alternativen, informierte sich über die Voraussetzungen für die Adoption aus anderen Ländern. «Es ist überall unterschiedlich, bei einigen Ländern war es ein Problem, dass wir erst vor kurzem geheiratet hatten.» Und das Haager Adoptionsübereinkommen legt fest, dass für die Kinder erst im eigenen Land nach neuen Eltern gesucht wird. Auch die USA haben dieses Übereinkommen unterzeichnet. «Dann erfuhr ich mehr zufällig, dass die Amerikaner diesbezüglich eine spezielle Gesetzgebung haben: Frauen, die ungewollt schwanger werden und ihr Kind zur Adoption freigeben möchten, können die Familie, in welcher das Kind aufwachsen soll, selbst aussuchen.» Ein neuer Plan war geboren.

Die leibliche Mutter wählt aus

Die Frau, die demnächst Sandras mögliches Baby zur Welt bringt, erhielt von der Vermittlungsagentur fünf Dossiers Adoptionswilliger. Sie wählte das von Sandra und ihrem Mann. Nun beginnt das Abenteuer so richtig: «Bei meiner neuen Stelle habe ich meinen Vorgesetzten offen informiert.» Und dieser bietet Hand für Plan A und Plan B.

Plan A: zurück mit Kind

Sandra hat am 28. Oktober ihren letzten Arbeitstag. Am 29. fliegt sie mit ihrem Mann in die USA und hat dann ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub. Einerseits um die ganzen rechtlichen Dinge zu klären, andererseits um sich ans neue Leben zu dritt zu gewöhnen. Um zu realisieren, dass nun Wirklichkeit geworden ist, wovon sie so lange träumten. «Danach kann ich in einem Pensum von 40 Prozent zurück an meinen jetzigen Arbeitsplatz kommen.»

Und wie reglet sie das in der Zeit mit der Kinderbetreuung? «Einen Tag in der Woche übernimmt mein Mann, den anderen decken die Grosseltern ab.» Fremdbetreuung in einer Krippe, das habe die Dame vom Amt durchblicken lassen, sei bei Adoptivkindern nicht so gern gesehen. «Ich kann das schon nachvollziehen», sagt Sandra. «Gerade wenn Kinder erst in einem gewissen Alter adoptiert werden, können die Verlustängste extrem stark sein.»

Das ist also Plan A.

Plan B: zurück auf Anfang

Reise ins Ungewisse

Es kann aber auch gut sein, dass Sandra Ende November wieder hier steht. Ohne Kind. Weil sich die leibliche Mutter doch noch gegen eine Adoption entschieden hat. Was macht sie dann mit ihren sechs Monaten unbezahltem Urlaub? «Ich habe grosses Glück und konnte mit meinem Chef die Vereinbarung treffen, dass ich in diesem Fall wieder 100 Prozent an meinen Arbeitplatz zurückkehren kann.» Ein kleiner Trost.

Urvertrauen hilft

Wie hält man das aus? Das Warten und die Ungewissheit? «Ich bin eigentlich ein extrem ungeduldiger Mensch», sagt Sandra über sich. Aber in dieser Geschichte habe sie das Urvertrauen, dass alles gut komme. «Das gibt mir die nötige Kraft und Stärke.»

Nächste Woche hat Sandra zwei Tage freigenommen, um zuhause ihr Büro auszuräumen. Es soll das Kinderzimmer werden. «Einrichten werden wir es aber noch nicht», sagt Sandra. «Wenn wirklich alles klappt, dann erledigen das meine Eltern während wir in den USA sind.»

«Das Kinderzimmer wird erst eingerichtet, wenn es definitiv ist.»

Ich wünsche den beiden ganz fest, dass sie den Grosseltern den Auftrag «Kinderzimmer einrichten» im November erteilen können. Und dass Plan B nur ein Plan bleibt.