Wilma war die Erste in der Firma, die «Telearbeit» machte. «Am Mittwoch arbeitet sie von zuhause aus, hat aber einen richtigen Arbeitsplatz und ist telefonisch erreichbar», sagte man mir damals über meine neue Chefin.

Ich war noch im Studium und jobbte daneben als Teilzeitkraft in der Datenverarbeitung. Wilma leitete meine Abteilung und ist irgendwie mitschuldig, dass ich heute trotz Kindern 80 Prozent arbeite.

Ich habe Wilma nach zehn Jahren wieder getroffen, weil ich ihre Erfahrungen als Langzeit-Working-Mum anzapfen wollte. Und weil das einen prima Blogbeitrag abgeben würde. Durch Wilma habe ich Homeoffice erst kennengelernt. Dank ihr wusste ich noch während meines Studiums, dass man durchaus Kinder haben und trotzdem fast Vollzeit arbeiten kann.

Anderes Selbstverständnis

Wilma ist in Skandinavien aufgewachsen. «Bei uns ist es völlig normal, dass Mütter arbeiten», sagt sie. Durch dieses Selbstverständnis habe sie gegenüber ihren Kolleginnen in der Schweiz einen entscheidenden Vorteil gehabt. «Eine Schweizerin, die Kinder bekommt, muss sich fragen: «Geht es, das ich nach der Geburt noch arbeite? Will ich das überhaupt? Und darf ich als Mutter etwas anderes machen, als meine Kinder betreuen?»» Bei ihr war die Ausgangssituation bei der Geburt ihrer Tochter folgende: «Ich kann auch mit Kind arbeiten. Ich will natürlich wieder zurück in meinen Job. Es bleibt nur noch die Frage: Wann darf ich wieder anfangen?»

Telearbeit

Die erste E-Mail-Adresse

Da Wilma nicht mehr als drei Tage von zuhause weg sein wollte, einigte sie sich mit ihrem Arbeitgeber auf ein 80-Prozent-Pensum mit einem Tag Homeoffice. «Das hiess damals aber noch Telearbeit.» Und war technisch gesehen ein ziemliches Unterfangen. Während wir Jungmütter von heute einfach unseren Laptop nehmen, uns von der IT ein Login geben lassen und dadurch Zugriff auf fast alle Programme und Ablagesysteme bekommen, sah das bei Wilma so aus: «Einer unserer Firmentechniker kam zu mir nach Hause und richtete eine entsprechende Leitung ein. Zudem erhielt ich meine erste private E-Mail-Adresse.»

Schichtbetrieb zuhause

Nicht nur die Technik fürs Homeoffice war damals nicht so ausgereift wie heute. Auch die Kinderbetreuung war anders. «Unsere Kinder waren nicht in der Kita, sondern wurden an meinen Arbeitstagen von den Grosseltern und der Tante betreut. Und mein Mann und ich hielten uns abwechselnd die Morgen oder den Abend frei.» Einer begann früh mit der Arbeit und kam dafür nachmittags rechtzeitig nach Hause. Der andere frühstückte mit den Kindern und arbeitete dafür bis in den Abend.

Auch wenn es für Wilma und ihre Familie kein Thema war, dass sie auch als Mutter weiter arbeitete: «Bei uns im Dorf waren wir mit unserem Modell schon ziemliche Exoten.» Und als die Tochter in der Schule Probleme hatte, sei es natürlich für alle klar gewesen, dass das daran liegen müsse, dass die Mutter nicht zuhause sei. «Es gab Phasen, da war das echt schwierig für mich.»

Unbezahlter Urlaub: eine Sensation

Auch die Tatsache, dass immer wieder andere für sie zuhause einspringen mussten, war für Wilma manchmal eine Belastung. «Als Gegenleistung hatte ich am Freitag – meinem arbeitsfreien Tag – die Hütte voller Kinder.»

Wilma kehrte übrigens nicht nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub zurück ins Büro. «Ich nahm unbezahlten Urlaub; bei meiner Tochter konnte ich so sechs Monate, bei meinem Sohn acht Monate zuhause bleiben.» Unbezahlter Urlaub, «das war damals noch eine echte Sensation».