Ich stellte das weinende Kind in den Raum, ging davon und eilte an meine Sitzung. In diesem Moment beschloss ich, dass künftig ein Terminblocker solche Szenen verhindern muss. 

Am Freitag bringe ich vor der Arbeit die Kinder in die Kita. Um 8.04 Uhr muss ich danach auf dem Bus sein – zum Glück ist die Haltestelle nur 50 Meter von der Kita entfernt. Letzte Woche war mal wieder einer dieser Morgen, an denen alles dreimal so lange dauert: «Wo ist die Mütze?» «Nein, ich will die Regenbogen-Handschuhe!» «Mein Nemo hat noch nicht gefrühstückt.» «Mensch! Mutti hat wieder ihr Telefon oben liegen lassen.» Und obwohl ich die 500 Meter von unserem Haus zur Kita dank unserem Familienrad Johnny in Rekordzeit zurücklegen kann, waren wir erst um 7.58 Uhr in der Kita.

Abschied in 10 Sekunden

Der Grossen drückte ich kurz einen Kuss auf die Stirn und schickte sie in die Garderobe. Die Kleine packte ich an den dick verpackten Winterjacken-Schultern und hob sie über das Absperrgitter in die Räumlichkeiten ihrer Kleinkindergruppe. Sie weinte, versuchte sich an mich zu klammern. Spätestens jetzt hätte ich sagen müssen: «Egal, komme ich eben einen Zug später.» Doch ich hatte um 8.30 Uhr eine grosse Sitzung, die würde ich verpassen, wenn ich nicht in 2 Minuten im Bus sitzen würde. Ich ging.

Trennungsschmerz Kita

Als die erwähnte Sitzung vorüber war, erstellte ich mir im meinem Outlook einen neuen Serientermin. «Puffer» steht nun an jedem Freitag von 8.30 bis 9 Uhr in meiner Agenda. Damit mir niemand mehr um diese Zeit Besprechungen eintragen kann. Damit ich meinen Kindern (und mir selbst) gegebenenfalls die Freiheit geben kann, etwas länger für den Abschied zu haben.

Noch etwas hat dieser denkwürdige Morgen in mir bewegt: Mir wurde klar, wie wichtig Puffer im Leben arbeitender Eltern sind. Sowohl am einen wie auch am andern Ende.

Puffer auf der Arbeit

Es gibt Phasen im Büro, da darf ich einfach nicht krank sein. Weil sonst Drucktermine nicht eingehalten werden oder andere Konsequenzen drohen. Als es beim Unbedingt-Gesund-Bleiben nur um mich ging, war ich mir noch sicher, dass ich das im Griff habe. Seit aber mindestens drei Personen gesund sein müssen, damit ich garantiert arbeiten kann, sieht die Situation anders aus. Seither bin ich sogar in stressigen Zeiten darauf angewiesen, dass es auch mal einen oder zwei Tage ohne mich geht.

Energie-Puffer: letzte Reserve

Das mit den Puffern ist ein generelles Thema. Am Limit zu kalkulieren, ist eigentlich nie eine gute Idee. Ein Zeitplan kann noch so ausgeklügelt sein – gerade die Technik kann einem trotzdem jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen. Und wer energietechnisch auf dem Zahnfleisch läuft, kann nicht mehr auf Unvorhergesehenes reagieren. «Am Limit» muss ein Ausnahmezustand sein. Und Ausnahmezustände dürfen sich nicht über Wochen erstrecken.

Wie schafft man Puffer?

  1. Puffer muss man einplanen. Mein Vorsatz für 2017: Alle 2 Monate einen Tag in der Agenda blockieren, damit ich freinehmen kann, falls ich merklich ans Limit komme. Ein Tag Luft, ohne Arbeit und ohne Kinder, wirkt Wunder. Oder damit ich einen sitzungsfreien Tag lang Zeit habe, die aufgestauten Mail in Ruhe abzuarbeiten.
  2. Puffer im Alltag. An meinem Homeofficetag nutze ich die eine halbe Stunde, die ich sonst für den Arbeitsweg aufwende, um etwas für mich zu machen. Eine Kaffeepause nur mit mir, eine Folge meiner Lieblingsserie oder ein kurzer Mittagsschlaf.
  3. Mittagsschlaf als Puffer. An den Tagen, an denen ich morgens arbeite und nachmittags mit den Kindern bin, ist der Mittagsschlaf mein dreifacher Puffer: Oftmals muss ich die zwei Stunden nutzen, um zuhause weiter zu arbeiten. Oder ich kümmere mich endlich um die Wäscheberge. Und wenn wir eine miese Nacht hatten, nutze ich den Mittagsschlaf der Mädchen auch gerne mal, um selbst eine Stunde Schlaf nachzuholenPause