Eine klare Trennung bringt bessere Vereinbarkeit? Nicht für mich. Ich lasse die Grenzen bewusst offen – und erspare mir dadurch manchen Stress. 

Gegen Ende meiner beiden Schwangerschaften wusste ich am Feierabend nie, ob ich am nächsten Morgen noch im Büro würde erscheinen können. Also war ich gezwungen, jeden Abend eine Liste meiner Pendenzen mit den notwendigen Kontakten, dem Ablageort und den nächsten Schritten anzufertigen.

Würde ich für eine klare Trennung von Büro und Zuhause einstehen, müsste ich dies auch für meine freien Nachmittage und für allfällige Kurzurlaube tun. Mir ist das aber echt zu mühsam! Deshalb verlasse ich das Büro meist mit den Worten: «Wenn was ist, könnt ihr mich ungeniert anrufen.» Ich habe volles Vertrauen, dass meine Kollegen in der Lage sind, eine sinnvolle Triage zu machen.

Trennen oder nicht?

Ob in der realen Welt oder im Netz: Wenn es um bessere  Vereinbarkeit geht, raten die meisten dazu, eine klare Trennung zu vollziehen.

«Wie soll ich diese ganze Job-Familien-Sache unter einen Hut bekommen?», fragt sich zum Beispiel Gabriel Rath und liefert auch gleich die Antwort. Sein Daddymodus-Artikel im 0381-Magazin trägt den Titel 5 Dinge, die mir dabei helfen, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen.

  1. Die Welten trennen.
  2. Smartphonefreier Sonntag.
  3. Selbst bestimmen, wann man reagiert.
  4. Erholung organisieren.
  5. Prioritäten setzen.

Meine Position zu Gabriels Liste: 3. bis 5. kann ich voll und ganz unterschreiben. Punkt 2 geht für mich  nicht, da ich (Zitat meines Ehemanns) smartphonesüchtig bin. Und weil das iPhone auch Musikquelle, Fotokamera und vor allem mein externes Hirn ist. Bei Punkt 1 habe ich mich bewusst dagegen entschieden.

Abhängigkeiten relativieren

Warum ich das so handhabe? In meinem Beruf geht es oft darum, auf das OK einer oder mehrerer Personen zu warten, um danach einen Text an die nächste Stelle weitezugeben. Und weil Murphy mein ganz besonderer Freund ist, wiederholt sich folgendes in regelmässigen Abständen: Der Artikel muss heute noch ins Layout. Es ist einer der beiden Wochentage, an denen ich nur halbtags arbeite. Um 11.47 Uhr geht mein Zug – um 11.40 ist die geforderte Antwort noch immer nicht da.

Würde ich nun auf eine klare Trennung von Beruf und Familie setzen, hätte ich genau zwei Optionen: 1. Zuhause anrufen und das beliebte «Ich komme später, tut mir meeega leid!» deponieren. 2. Layout, Korrektorat und Druck nach hinten verschieben.

Durch meine Nicht-Trennung eröffnet sich eine weitere Option: Ich geh wie geplant um 11.47 Uhr auf den Zug, esse mit den Kindern zu Mittag, bringe sie ins Bett und mache danach meinen Laptop auf, verarbeite das letzte Feedback und gebe den Text weiter. Als berufstätige Eltern brauchen wir Puffer. Und dank mobiler Arbeitsmöglichkeiten können wir sie zu unserem Vorteil einsetzten.

Erfolgsfaktor: selbst bestimmen!

Wie gut das Leben mit fliessenden Grenzen zwischen Familie und Beruf ist, entscheidet sich meiner Meinung nach durch den Punkt 3 auf Gabriels Liste: Selbst bestimmen, wann man reagiert.

Guten Morgen

Die Aufweichung der Grenzen zwischen Beruf und Privatleben  handhabe ich übrigens auf beide Seiten: Da meine Kinder meist noch schlafen, wenn ich das Haus verlasse, gehören die Facetime-Anrufe ins Büro inzwischen zu unseren kleinen Ritualen. Ein «Guten Morgen» per Videotelefonie ist natürlich nicht das selbe wie ein reales Küsschen – aber trotzdem wunderschön.