Es gab diese Zeit in meinem Leben, da ging gar nichts mehr. Am Montag war die Welt noch in Ordnung: Ich hatte meine erste eigene Wohnung, einen tollen Job und war mit Herzblut bei der Sache. Ich war 28 Jahre alt und hatte das Gefühl: Mir steht die ganze Welt offen.

Am Dienstag stürzte ich beim Eislaufen unglücklich auf den Hinterkopf. Danach ging gar nichts mehr. Ich hatte Kopfschmerzen ohne Ende. Ein Schädel-Hirn-Trauma der fiesen Sorte. Bei der ersten Konsultation sagte die Ärztin: «Sie werden sicher sechs Wochen nicht arbeiten können.» Ich dachte: «Die spinnt doch.»

Aus 6 Wochen wurden 6 Monate

Doch aus den sechs Wochen wurden sechs Monate. Mein Umfeld teilte sich: Die, die sich gravierende Sorgen machten (Meine Mutter besuchte mich auf einmal auffallend oft) und die, die fanden «Aber du könntest jetzt doch langsam wirklich wieder anfangen zu arbeiten.» Dabei konnte ich vor lauter Schmerzen noch nicht mal schlafen. Und dann noch die, die sich zwar Sorgen machten, mir aber das Gefühl geben konnten «Das wird schon wieder», mit mir die Zeit totschlugen und sich für meinen Gesundheitszustand in Anlehnung an Hape Kerkelings «Isch hab Rücken» die Formulierung «Isch hab Kopf» ausdachten.

Wichtige Zäsur

Demnächst jährt sich mein Unfall zum 7. Mal. Und so mit Abstand betrachtet, komme ich zum Schluss: Das war das Beste, was mir passieren konnte. Mein Leben vor dem Unfall: «Alles geht, alles muss.» Mein Leben nach dem Unfall: Ich höre auf die Zeichen, die mir mein Körper sendet. Ich weiss, was mir gut tut und was nur Ressourcen frisst. Für das Leben mit Kinder war das Leben mit «Kopf» eine super Vorbereitung.

Ein Beispiel: Ich war kürzlich gesundheitlich angeschlagen, hatte aber in dieser Woche noch wichtige Arbeitstermine vor mir. Dann meldete ich mich am Mittwoch von der Chorprobe ab und ging stattdessen früh zu Bett. Ich habe gelernt: In Zeiten mit begrenzten Ressourcen müssen diese sehr gezielt eingesetzt werden. Auch wenn man mit seinem Verhalten den einen oder anderen vor den Kopf stösst.

 In Zeiten mit begrenzten Ressourcen müssen diese sehr gezielt eingesetzt werden.

Wie Mutterschaftsurlaub ohne Kind

Das Leben nach dem Unfall war wie ein Mutterschaftsurlaub ohne Kind. Durch die heftigen Schmerzen wachte ich nachts mehrmals auf und war tagsüber entsprechend gerädert. Ich hatte durchgehend eine Mattscheibe, die Welt war wie im Nebel versunken. Ich konnte nicht unter Leute gehen, konnte nicht lesen, alles strengte mich unendlich an. Die starken Medikamente hatten Nebenwirkungen, die mein körperliches Wohlbefinden zusätzlich beeinträchtigten. Und dann die Ungewissheit, ob das nun ein schlechter oder ein besserer Tag werden würde. Und ob das überhaupt je wieder gut wird.

Am Ende wurden aus sechs Wochen 21 Monate. Mit den richtigen Medikamenten und als ich endlich die für mich passende Therapie gefunden hatte, wurde es Stück für Stück besser. Wahrscheinlich spielte auch die Zeit eine nicht unerhebliche Rolle. Ich machte eine Weiterbildung, um vom hektischen Tagesgeschäft wegzukommen. Langsam lichtete sich der Dauernebel im Kopf, die Schmerzen wurden erträglicher.

Neues Leben

Ich hatte wieder eine Perspektive und fand noch während der Weiterbildung meine heutige Arbeitsstelle. Anfang Jahr startete ich. Die ersten Wochen im neuen Job waren unterirdisch. Ich schaffte es oft nur mit Mittagsschlaf (glücklicherweise hatte ich damals ein Einzelbüro), meine 8,5 Stunden am Tag zu arbeiten. Nach der Arbeit ging ich um 18 Uhr ins Bett und schlief 12 Stunden. Nach und nach gewöhnte sich mein Gehirn wieder an die Belastung. Über die Osterfeiertage setzte ich die Medikamente ab (die 4 Tage reichten nur knapp) und bald normalisierte sich mein Leben. Und als es langsam gemütlich wurde, war bereits unsere erste Tochter unterwegs.

Das Datum meines Unfalls ist für mein Leben so wichtig, wie die Geburten unserer beiden Kinder. Es war die Zäsur meines Lebens. Wenn die Zeit der Arbeitsunfähigkeit meine Mutterschaftsurlaub ohne Kind war, dann ist dieses Kind heute erwachsen. Ab und zu meldet es sich und schaut vorbei. In der Regel bleibt es nicht lange. Wenn ich auch meine Ressourcen achte, habe ich den «Kopf» recht gut im Griff.

Ein klarer Kopf voll Dankbarkeit

Wenn ich heute frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit bin, spüre ich oft eine unendliche Dankbarkeit. Mit klarem Kopf auf dem Weg ins Büro bin ich einfach nur froh, dass ich wieder meiner grossen Leidenschaft, dem Schreiben, nachgehen kann. Dass ich wieder in der Lage bin, herausfordernde Diskussionen zu führen und – ich kann es nicht oft genug sagen – klar denken kann.

Vielleicht empfinde ich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deshalb weniger anstrengend als andere. Weil ich schon vor den Kindern lernen musste, auf meine Ressourcen zu achten. Und weil ich es als grosses Geschenk betrachte, dass ich es nach langen 21 Monaten doch noch wieder zurück ins Berufsleben schaffte.

Diesen Winter war ich das erste Mal seit dem Unfall wieder auf dem Eis. Mit den Kindern. Und mit Helm. Es war wunderbar.