Vor Urzeiten schrieb ich im vierten Semester meines Medienwissenschaften-Studiums eine Arbeit über die Gründe zur Rezeption von Soap Operas. Neulich merkte ich: Die passen auch zu Facebook-Gruppen mit Mutti-Content.

Die Seminararbeit habe ich nicht mehr. Fünf Umzüge und noch mehr geschrottete Laptops machten sie unauffindbar. Das Fazit habe ich aber noch im Kopf:

  1. Die Zuschauer sehen sich Soaps an, weil sie einerseits emotionale Entspannung finden. Dies geschieht durch die Projektion eigener Schwierigkeiten auf die Serienfiguren. Zu wissen, dass andere Leute ebenfalls Probleme haben, gibt ein gutes Gefühl.
  2. Eine weitere Motivation: Realisation von Wunschvorstellungen. Seifenopern können ein Ausgleich für die im eigenen Leben unerfüllte Träume sein. Das Stichwort heisst Eskapismus.
  3. Seifenopern können dabei helfen, Ratschläge zu bekommen und für die unterschiedlichsten Lebenslagen vorbildhafte Muster mitzunehmen.

Kürzlich traf ich eine Freundin, die gerade zum ersten Mal Mutter geworden ist. Ich riet ihr, sofort Mitglied in der Facebook-Gruppe der Mütter bei uns in der Stadt Mitglied zu werden. «Warum? Was soll ich da?», war ihre Frage. Da realisierte ich, dass die Gründe für eine Mitgliedschaft in Mütter-Facebook-Gruppen denen fürs Schauen von Daily Soaps sehr ähneln.

  1. Projektion: Natürlich gibt es ein gutes Gefühl zu lesen, dass andere Mütter ebenfalls Probleme haben. Ein noch besseres Gefühl gibt das Wissen darüber, dass andere noch viel schlimmere Probleme haben. Scrolle ich mich abends noch kurz durch die Timeline meiner Mütter-Gruppen, kann ich mit dem guten Gefühl ins Bett gehen, dass ich mein Leben offensichtlich total im Griff habe.
  2.  Eskapismus: Ich finde in den Facebook-Gruppe nicht gerade meine unerfüllte Träume. Aber dem Alltag entfliehen kann ich beim Lesen der Beiträge allemal. Was die Leute da so alles posten, ist hochgradig unterhaltsam.
  3. Ratschläge: Nachdem die ersten beiden Punkte mehr meine Trash-TV-Faible bedienen, war es dieser dritte Punkt, weshalb ich meiner Freundin die Mitgliedschaft in der Mütter-Gruppe auf Facebook ans Herz legte: Nirgendwo sonst findet man so viele Tipps, welche Restaurants praktische Spielecken haben, welche kindertauglichen Wochenendaktivitäten aktuell sind und wo man in der Innenstadt ungestört stillen kann. Und: Als meine Schwiegermutter einmal das Kuscheltier unserer Tochter in der Stadt verloren hatte, fand ich eine halbe Stunde später ein Foto davon mit den Angaben zum Fundort in unserer lokalen Facebook-Mütter-Gruppe.

Eines steht fest: Die unzähligen Mütter-Gruppen auf Facebook sind die neuen Daily Soaps. Da findet man auch ohne Schauspieler täglich das ganz grosse Theater.