Der Geburtstermin rückt immer näher und es bleibt mir nichts anderes übrig, als loszulassen. Wenn das nur nicht so verdammt schwer wäre.

Loslassen zu Hause

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat viel mit Loslassen zu tun. Das fängt damit an, dass man sich als Mutter früh damit auseinandersetzt, dass das eigene Baby auch andere Bezugspersonen haben soll, die es glücklich machen können. Mir brachte dieses Wissen stets eine grosse Erleichterung – ich kenn aber viele, die damit Mühe haben. Man gibt diese allumfassende Macht ab, als einzige Person dieses kleine Bündel beruhigen zu können. Loslassen müssen wir arbeitenden Mütter auch später immer wieder. Ja, es kann sein, dass die Tochter den erste Schritt alleine läuft, während Mutti gerade in einer Sitzung ist. Und der Papa weiss selbst, was die Kinder anziehen müssen – auch wenn es nicht immer ganz meinen Geschmack trifft.

Loslassen im Job

Loslassen müssen arbeitende Mütter auch auf der anderen Seite. Und das ist fast genauso schwer. Der Wechsel vom potenziell omni-verfügbaren Mitarbeiter zu einer Person, die manchmal für eine gewisse Zeit einfach andere Prioritäten und Verpflichtungen hat, ist nicht immer einfach. An Veranstaltungen nicht dabei sein können, weil der Mann gerade im Ausland ist und kein Babysitter aufzutreiben ist. Ein Konzept nicht zeitnah überarbeiten können, weil abends ein Elternabend im Kindergarten ansteht. In einer total brenzligen und zeitkritischen Situation aus dem Büro laufen und die Kolleginnen für den Moment mit dem Problem alleine lassen. Diese Situationen kommen immer wieder.

Das schlechte Gewissen

Während ich mir in Bezug auf meine Kinder kein schlechtes Gewissen erlaube (es wäre mein emotionaler Untergang), kann ich dieses schlechte Gewissen im Büro und gegenüber meinen Kolleginnen und Kollegen einfach nicht abstellen.

Besonders lustig ist es nun mit dem bevorstehenden Mutterschaftsurlaub: Ab morgen darf ich nur noch halbtags arbeiten; gesundheitlich liegt mehr einfach nicht mehr drin. Einen Monat später werde ich mich dann für 4 Monate verabschieden – und in der erfahrungsgemäss arbeitsintensivsten Jahreszeit mein Team im Stich lassen.

Unangenehm, wirklich. Ich habe seitenweise Anleitungen geschrieben, die anderen in die Handhabung von Plattformen und Geräten eingeführt, habe erklärt, wann worauf bei wem besonders zu achten ist. Zum Glück wurde – anders als bei den ersten beiden Schwangerschaften – eine Stellvertretung bewilligt. Und zum Glück hatte ich Leute zur Hand, die diese Stellvertretung mit Sicherheit gut machen werden. Aber eines bleibt: das Problem mit dem Loslassen.

Mein Job –  mein Baby

Wenn ich ehrlich mit mir bin, hätte ich mein Pensum schon länger reduzieren müssen. Doch da waren diese beiden Projekte, die einfach noch auf zu wackligen Füssen standen, um an eine andere Person übergeben zu werden. Eigentlich könnte mir das ja egal sein. «Nach mir die Sintflut» und so. Aber das geht nicht. Erstens will ich nicht, dass sich andere darüber aufregen, was ich ihnen für eine unvollständige Baustelle überlassen habe. Zweitens liegen mir diese Projekte am Herzen. Mein Job ist nun mal genauso mein Baby wie meine Kinder.

Mein Job ist nun mal genauso mein Baby wie meine Kinder.

Und trotzdem: Der Geburtstermin rückt unaufhaltsam näher. Langsam aber sicher muss ich meine Gedankenwelt von «Ich werde bei diesem und jenen beruflichen Termin nicht dabei sein» zu «Ich werde voll für dich, mein kleines Baby, da sein» verschieben. Mich auf diese intensive, unglaublich schöne und mit Sicherheit sehr anstrengende erste Zeit mit dem neuen Familienmitglied einstellen.

 

Das ist ja das Schöne am Kinderhaben: Sie zwingen einen immer wieder, die Prioritäten richtig zu setzen und den Job manchmal auch einfach Job sein zu lassen. Ein gesunder Ansatz.

Und das mit dem Loslassen üben wir einfach weiter.