Michael bekommt einen Anruf und muss seinen Arbeitsplatz Hals über Kopf verlassen. Mal wieder. Doch es ist nicht sein Kind, das krank wurde und Betreuung braucht. Seine betagte Mutter ist zu Hause übel gestürzt.

Mal ist es ein Sturz, ein anderes Mal macht die Mutter dem Pflegedienst die Tür nicht auf. Dann muss Michael los, egal ob jetzt gerade eine wichtige Sitzung ansteht. Zu den Notfällen kommen diverse Arzttermine: Immer wieder muss Michael zu Unzeiten und mitten im Arbeitstag seine Mutter abholen und zum Arzt begleiten. Das Verständnis seiner Chefin und der Kollegen ist eher begrenzt. «Wenn andere wegen ihrer Kinder fehlen, geben alle gute Besserungswünsche mit auf den Weg. Wenn ich wegen meiner Mutter kurz weg muss, fehlt jegliches Verständnis», sagt Michael. Er ist müde, man sieht es ihm an. Seit Monaten geht das nun schon so. Er kann sein Telefon nicht aus den Augen lassen, auch nachts ruft die Mutter manchmal an. «Einmal hatte sie bloss vergessen, wie die Kaffeemaschine funktioniert.»

Da Michael eine Vollzeitstelle hat, hat er kaum Kapazität für seine betagte Mutter. Eigentlich würde er gerne sein Arbeitspensum reduzieren. «Aber wenn ich nun in Teilzeit wechsle, fehlt mir das am Ende in der Pensionskasse.» Michael hat nur noch ein paar Jahre bis zur Pensionierung, es sind diese letzten Jahre, die sich beim Einzahlen in die Pensionskasse besonders stark bemerkbar machen.

Eigentlich sind Ferien dazu da, sich zu erholen. Michaels Ferien sehen seit zwei Jahren so aus: Er fährt nicht weg, packt möglichst viele Arzt- und Therapietermine in diese Woche und ist mehr oder weniger rund um die Uhr für seine Mutter da.

Eine Entlastung könnte der Umzug der Mutter in ein Altenheim bringen. Doch das will die Betagte nicht. Sie wehrt sich mit aller Kraft dagegen. «Ich kann doch denn Willen meiner Mutter nicht einfach so übergehen», sagt Michael. «Einen alten Baum verpflanzt man nicht.» Und so fügt sich Michael seinem Schicksal.

Die zeitliche Belastung ist das eine. Dazu kommt noch die emotionale Belastung. «Sie ist nicht mehr die Mutter, die ich mal hatte. Unser Verhältnis hat sich total umgedreht.» Und dann ist da noch das fehlende Verständnis für das, was er tagaus tagein leiste.

«Es ist in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen, dass Erwerbstätige ihre Eltern betreuen.»

Während die jüngeren Kolleginnen und Kollegen ihre kranken Kinder bis zu 3 Tage zuhause betreuen können, muss Michael um jede einzelne Stunde für einen Arztbesuch kämpfen. «Wenn ich vormittags für einen Termin unterwegs bin, muss ich die fehlende Arbeitszeit abends aufholen.»

Wie lange das noch so gehen soll, ist unklar. Bis sich der Gesundheitszustand der Mutter so stark verschlechtert, dass ein Umzug ins Heim zwingend wird. Oder bis die Mutter stirbt.

Dann bekommt Michael erstmals bezahlte Absenztage für seine Mutter.