Ich habe täglich zweimal Feierabend. Trotzdem habe ich nicht zwei voneinander getrennte Leben. Weil mein Beruf eines meiner Babys ist und weil ich gegenüber meinen Kindern auch einen Job zu erledigen habe. 

Vorletzte Woche zog ich in Erwägung, einen wichtigen Networking-Anlass mit umgehängtem Säugling zu besuchen. Mein Mann war beruflich unterwegs und der Babysitter hat bisher noch nie alle drei Kinder alleine zu Bett gebracht. Warum also nicht mit Baby zum Event? Schliesslich war ich bis vor ein paar Monaten ja auch mit nicht übersehbarem Babybauch an solchen Veranstaltungen unterwegs. Da war das Thema Arbeiten und Kinder aufgrund der plakativen Kugel auch ein spannender Aufhänger für interessante Gespräche. Gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen finden es spannend zu hören, wie wir das mit unseren Jobs und den Kids schaukeln.

Vorbilder

Vorbilder sind wichtig. Meine eigene Mama hat gefühlt immer gearbeitet. Das stimmt natürlich nicht ganz. In ihrem Beruf als Flight Attendant war das mit der Vereinbarkeit und vier Kindern in fünf Jahren keine einfache Sache. Aber sie hatte den richtigen Mann geheiratet, der bereit war, in der Familie deutlich mehr zu leisten, als Väter in den 80er-Jahren gemeinhin so leisteten. Und so konnte sie nach ein paar Jahren Pause als Vierfachmutter wieder Teilzeit in ihren Beruf zurück.

Für uns war es herrlich eine fliegende Mutter zu haben. Sie brachte uns immer irgendwas von ihren Reisen mit. Für uns war es normal, den Gymnastik-Dress für unsere Turnvorführung aus Shanghai zu haben (die amerikanische Version haben wir auch ausprobiert, ab die waren am Hintern einfach immer viiiel zu breit geschnitten), unsere Converse direkt aus den USA zu bekommen und dass unsere Mutter grundsätzlich nur in São Paulo zum Frisör ging.

Der wohl wichtigsten Effekt: Unsere Mutter war trotz Jetlag total tiefenentspannt, wenn sie von einer viertägigen Rotation zurückkehrte. Weil für sie der Beruf eine spannende und bereichernde Abwechslung vom Mutti-Alltag war.

Face-Shirt statt Facebook

Ich kann mich gut erinnern, wie unser Vater mit uns an den Wochenenden zum Flughafen fuhr, um die heimkehrende Mutter abzuholen. Kaum hatten wir das Operation Center betreten, wurden wir schon von den ersten Arbeitskollegen freudig begrüsst. Es schien so, als wüssten alle, wessen Kinder wir sind. Meine Mama schaffte das im Prä-Facebook-Zeitalter mit einer ganz einfachen Massnahme: Sobald sie mit ihrer Crew am Zielort angekommen war, tauschte sie die Stewardessen-Uniform gegen ein Foto-T-Shirt von uns vier Kindern. So hatte sie uns immer bei sich. Und alle wussten, dass sie daheim vier kleine Kinder hat.

Neue Konzepte

Kürzlich bin auf Twitter über den Begriff «Work Life Integration» gestolpert. Die Idee: Wir müssen wegkommen vom Gedanken, dass sich die beiden Seiten des Lebens – Arbeit und Privatleben – in Balance halten sollen. Vielmehr geht es doch darum, das jede und jeder für sich die Mischung aus Arbeitswelt und Familienwelt findet, die für sie oder ihn, für die Familie und nicht zuletzt auch für das Arbeitsteam gesund ist.

Zumindest in meiner Branche hört das Arbeiten um 17.30 Uhr nicht einfach auf. Die besten Ideen hatte ich entweder auf meinem Spaziergang vom Bahnhof zur Kita, abends beim Wäschesortieren oder frühmorgens unter der Dusche. Ich bin nicht nur im herkömmlichen Sinn gerne schwanger, ich gehe auch «mit Ideen schwanger», wie ein früherer Chef zu sagen pflegte. Gute Konzepte reifen nicht von 8 bis 10 Uhr am Bürotisch – sie brauchen ihre Zeit und den richtigen Flow. In Arbeitszeit lässt sich das nicht aufrechnen – der Mehrwert für meinen Arbeitgeber ist trotzdem spürbar.

Genauso wie ich in irgendeiner Form immer am arbeiten bin, bin ich auch immer Mutter. Für mich sind das keine getrennten Welten, sondern die Elemente, die mein Leben ausmachen.

Unser Baby wurde übrigens krank und der Plan mit dem Säuglings-Networking hinfällig. Trotzdem hätte ich gerne herausgefunden, wie die Leute darauf reagiert hätten. Denn ich bleibe bei meiner Mission: Ich will keine strikte Trennung zwischen Berufsleben und Familie. Es gibt verschiedene Bereiche in meinem Leben und ich möchte diese so geschmeidig wie möglich miteinander verbinden.

Der nächste Apéro kommt bestimmt.