Können Frauen die gleichen Karrieren anstreben wie ihre männlichen Berufskollegen? Ja, natürlich. Trotzdem sehe ich hier ein grosses Aber: Es geht in der Regel nicht mit einem Teilzeitpensum.

Wer Karriere machen will, muss vor allem eines: Verantwortung übernehmen. Und das geht meiner Meinung nach nun mal sehr schlecht, wenn die Stakeholder eine halbe Woche auf Entscheide warten müssen.

Es geht nicht darum, wer morgens im Büro die Kaffeemaschine einschaltet und abends als letzter den Schlüsselschrank wieder abschliesst. Aber die Welt im Büro hört nun mal nicht einfach auf sich zu drehen, nur weil heute mein freier Tag ist. In Jobs mit einem hektischen Tagesgeschäft und Projekten mit mehrschichtigen Abhängigkeiten ist es nur sehr bedingt möglich, sich mehrere (Halb-)Tage pro Woche komplett abzumelden.

Die Rabenmutter-Grenze

Für mich liegt die Grenze bei 80 Prozent. Das steht aber in deutlichem Widerspruch zu dem, was unsere Gesellschaft einer Mutter normalerweise als Arbeitspensum «erlaubt». Studien zeigen, dass in urbanem Umfeld die Schwelle, ab der eine arbeitende Mutter zur Rabenmutter mutiert, bei 60 Prozent liegt. In ländlichen Gebieten liegt die Grenze bereits bei 40 Prozent.

Ein Jahrzehnt ausgebremst

Ich kann mir vorstellen, dass sich die Auswirkungen eines 60-Prozent-Pensums auf die Karriere eindämmen lassen, wenn die Frau nicht zu lange dieses tiefe Pensum bestreitet. Dass mit 40 Prozent eine erfolgreiche Laufbahn mit Führung oder Expertenstatus möglich ist, daran glaube ich persönlich nicht.

Das Problem: Wann bekommen Frauen ihre Kinder? Im Schnitt sind sie 31 Jahre alt. Wenn sie zwei oder drei Kinder im Abstand von je zwei Jahren bekommen und so lange ihr Arbeitspensum deutlich reduzieren, bis der kleinste Spross im Kindergarten ist, können sie mit 37 oder 39 Jahren beruflich wieder mehr Gas geben.

Wenn man auf der anderen Seite anschaut, wann die Männer den wichtigsten Karriereschub machen, sieht man rasch, dass es exakt in diesem Alter passiert. Natürlich sind auch die Jahre ab 40 aufwärts noch relevant. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass der Grundstein in den 30er gelegt wird. Und wer in diesem Jahrzehnt ein Schattendasein fristet, wird später kaum die Chance haben, noch so richtig durchzustarten.

Eine Frage der Vereinbarkeit

Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass sich ein hohes Arbeitspensum optimal mit der Familie verbinden lässt. Homeoffice ist ein guter Ansatz: kein Arbeitsweg und maximale Flexibilität. Wenn Work Smart richtig gelebt wird, kann ein Arbeitstag frühmorgens zu Hause beginnen. Wenn die Kinder aufstehen, folgt eine erste Pause und danach geht es ins Büro – Kollegen updaten und an Sitzungen teilnehmen. Durch die heutige Technik hat Erreichbarkeit und Verfügbarkeit zum Glück nicht mehr mit Am-Pult-Sitzen zu tun.

Freiberufler in meinem Umfeld arbeiten genau so. Vielleicht ist es ein Ansatz, dass auch Angestellte mehr wie Selbstständige funktionieren sollten. Denn wenn die Mitarbeiter wie Unternehmer agieren, leidet der Arbeitgeber auch nicht unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sondern profitiert von motivierten Arbeitnehmern.